Bild von Simon Høgsberg

Interview mit Simon Høgsberg: „We’re All Gonna Die – 100 meters of existence“

Simon, was war das erste Motiv welches du fotografiert hast?

Ich war in der siebten Klasse. Meine Schule hatte ein neues Programm eingeführt, was Schüler dazu aufforderte ein oder mehrere Kurse zu verschiedenen Themen zu wählen, die nach Schulschluss stattfanden. Einer dieser Kurse war Fotografie. Das war dann auch der Kurs, den ich gewählt hatte. Nicht, weil ich mich damals für Fotografie interessierte hätte, nein, die übrigen Kurse, die angeboten wurden, hatten mich noch viel viel weniger interessiert.

Eines Nachmittages schickte mich der Fotografielehrer raus, um ein paar Fotos zu machen. Auf dem Schulhof gab es nichts zu fotografieren. Ich hatte die Aufgabe und zudem eine Kamera in der Hand. Ich stand mit zwei anderen Jungs aus dem Kurs zusammen. Die hatten jeweils auch eine Kamera und wir überlegten uns, was wir auf diesen verlassenen Schulhof bloß fotografieren sollen. Ich erinnere mich, dass Kenneth – einer der Jungs – seinen Hosenstall aufgemacht hatte, um seinen eigenen „kleinen Mann“ zu fotografieren. Ich erinnere mich an ein kleines Würstchen und viele schwarze Haare. Er kam aus Thailand. Ich weiß nicht mehr ob ich ein Foto von seinem Ding gemacht habe. Wenn ja, dann könnte das das erste Motiv gewesen sein, welches ich fotografiert habe.

Wer inspiriert dich heute?

Wenn ich eine einzelne Person nennen soll, die meine Art zu arbeiten und meine Herangehensweise an die Fotografie maßgeblich beeinflusst hat und immer noch beeinflusst, dann ist das wohl der US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster. Viele Charaktere in seinen Büchern sind durch einen ungebrochenen Willen definiert, nicht von dem Weg abzuweichen, um ihre Ziele zu erreichen. Auch wenn der eingeschlagene Weg nur für sie selbst einen Sinn ergibt. Für diese Charaktere ist es letztendlich eine Frage von Leben und Tod ihre Ziele zu erreichen, egal wie eigenartig diese für Außenstehende wirken müssen. Ich beziehe genau das auch auf meine Arbeit.

Was war dein erstes Projekt als professioneller Fotograf?

2002 habe ich einen dreijährigen Kurs in Fotografie an der School of Media in London beendet. Ein paar Wochen danach bin ich zurück nach Dänemark gegangen, um als Freelancer Fotograf zu arbeiten. Das erste Projekt als professioneller Fotograf war das „The Thought Project“. In dem Zeitraum von drei Monaten habe ich 150 Menschen auf den Straßen von Kopenhagen angehalten und allen die gleiche Frage gestellt: Was hast du in der Sekunde gedacht, bevor ich dich angehalten habe? Ich habe die Antworten mit Mikrofon und Diktafon aufgezeichnet und jeden einzelnen Passanten fotografiert. 55 der Bilder und Gedanken präsentiere ich auf meiner Webseite „The Thought Project – Life-Snaps by Simon Høgsberg“ als Zitate.

Nach deinem Bachelor-Abschluss in Fotografie an der School of Media in London, wie hat sich deine Art zu fotografieren geändert?

So weit ich zurückdenken kann verspürte ich bei jedem Foto das Verlangen mit einem Foto das Wesentliche aus dem Objekt – Landschaft oder Person – zu extrahieren. Ich rede von einem bestimmten romantischen (im Sinne von unmöglich) Wunsch die Seele und das Leben aus einem Motiv zu saugen und in meinem Foto zu binden. Genauso wie man das Leben aus einer Zigarette heraussaugt. Dieses Verlangen hat sich durch die Jahre oder durch den Bachelor in Fotografie nicht geändert. Wenn ich etwas schöne sehe, verspüre ich den Wunsch es zu bewahren.

Was sich durch die Jahre geändert hat – hoffentlich zum Guten – ist meine Anschauung auf die Welt und mein Umgang mit den Menschen. Ich bin offener und weniger verklemmt, als ich es beispielsweise noch vor fünf Jahren war. Wie das meine Art zu fotografieren beeinflusst? Wenn es einfacher ist, diese Welt zu lieben, ist es auch einfacher Liebe zu geben. Das hat einen positiven Effekt auf die Beziehung zwischen mir und den Menschen die ich fotografiere. Und hoffentlich auch auf die Fotos die ich mache.

Woher bekommst du deine Inspirationen und Ideen für neue Projekte?

Egal welches Projekt ich anfange, es hat immer mit den großen Problemen und Fragen des Lebens zu tun. Wie Identität, Tod, Unterdrückung, Verdrängung, Liebe, Gier usw… Themen, die jeder versteht und mit denen sich jeder verbunden fühlt. Wenn ich bereit bin ein neues Projekt zu beginnen denke ich stehts: Welches große Thema im Leben finde ich in diesem Moment interessant und warum.

Ich erinnere mich da zum Beispiel an den Sommer 2007. Die dänische Gesellschaft hat sich zu einem verzogenen Gör entwickelt. Die Leute haben nur an ihren Reichtum gedacht und darüber gesprochen. Sie dachten nur noch daran wie viel Geld sie haben und was mit ihrem Geld an Komfort kaufen können. Es war ekelerregend Zeuge dieser Entwicklung zu sein. Jeder hat nur an sein eigenes Wohl gedacht und seine Mitmenschen vergessen. Bevor dann die Immobilienblase platzte – und ich danke Gott, dass sie geplatzt ist – war dieses egoistische Einstellung gegenwärtig. Und genau zu diesem Zeitpunkt war ein Problem zu erkennen. Das habe ich dann in einem meiner Projekte verarbeitet.

Ich lasse mich nur sehr sehr selten von der Arbeit anderer Fotografen inspirieren. Was mich wirklich zu neuen Ideen für Projekte inspiriert sind Tendenzen und Veränderungen in der Gesellschaft, die ich unangenehm finde und ich ablehne.

Was für ein Foto-Equipment verwendest du, um deine Inspirationen und Ideen umzusetzen?

Diese Frage ist leicht zu beantworten. Ich benutze eine Canon Mark II EOS D1 digitale Spiegelreflexkamera, ein 17-40 mm Canon Objektiv, ein Canon-Objektiv mit 50 mm fester Brennweite und ein 100-400 mm Zoom-Objektiv, auch von Canon.

Was für eine Beziehung hast du zu Deutschland? Ich denke da an dein Projekt „We’re All Gonna Die – 100 meters of existence“. Wie kam es dazu, dass du die Aufnahmen zu dem Projekt in Berlin gemacht hast?

Eines Morgens im Jahr 2007 habe ich mit meiner Partnerin ein öffentliches Schwimmbad in Kopenhagen besucht. Ich wollte Spaß haben, fühlte mich jedoch innerlich leer und war total unzufrieden durch den Stillstand in meinem Leben. Ich habe mit meiner Partnerin erzählt, was in mir vorging. Ich wusste auch, dass eine Freundin von mir eine Wohnung in Berlin besaß, die sie an Bekannte untervermietete. Meine Partnerin ermutigte mich nach Berlin zu gehen und die Veränderung in meinen Leben zu schaffen, die ich brauchte.

Als ich dann in Berlin war, kaufte ich mir ein 400 mm Objektiv und machte damit lange Spaziergänge in der Stadt. Dann stand ich plötzlich auf der der Warschauer Brücke und schaute mir die Gesichter der Passanten an, die auf dem Weg zur S-Bahn-Station waren, die unter der Brücke liegt. Ich habe die Kamera aus meinem Rucksack geholt und dachte: wenn du jetzt anfängst die Leute zu fotografieren, dann wiederholst du nur das „Private & Public„-Projekt was du schon 2002 gemacht hast. Damals sind, über ein Jahr und vier Jahreszeiten hinweg, 56 Fotos von Londoner Passanten entstanden. Doch dann dachte ich: Was wäre wenn ….

So ist das 100 Meter lange Foto entstanden.

Wie sieht deine Zukunft aus? Was machst du als nächstes?

Ich fange langsam an zu lernen mich als Ressource zu verstehen. Ich habe die Pflicht mich in die Gesellschaft einzubringen, und zwar so, dass unsere Gesellschaft davon profitiert. Das ist keine Raketenwissenschaft, dass weiß ich, weil ich es fühlen kann. Je mehr ich der Gesellschaft von mir gebe, desto glücklicher werde ich und desto mehr respektiere ich mich selbst.

Ich kann dir nicht sagen was mein nächstes Projekt werden wird. Weil ich es selbst noch nicht weiß. Aber ich habe mir schon oft gesagt, dass es letztendlich ein Projekt sein muss, dass den face-to-face Kontakt mit Menschen impliziert. Denen will ich geben was ich kann, ohne den Hintergedanken zu pflegen etwas dafür zurückzubekommen.

Lieber Simon, vielen Dank für das nette Interview. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Kontakt. Alles Gute für dich und deine Arbeit.

Danke Christian, dir auch!

Über Simon Høgsberg

Simon Høgsberg ist in Aarhus (Dänemark) geboren, wo er lebte, bis er 23 Jahre alt war. Dann ging er drei Jahre nach London und studierte dort Fotografie an der School of Media. Im Anschluss an sein Bachelor-Studium zog er 2002 nach Kopenhagen und fing an als Freelancer Fotograf zu arbeiten. Dies tut er bis Heute.